Monday, 11 April 2016

Die Lebenden und die Toten von Nele Neuhaus

Ich lebe schon mein halbes Leben in Großbritannien. Daher rostet mir langsam die deutsche Sprache aus Unnutzung ein - also muss ich im voraus um Entschuldigung bitten, falls ich den einen oder anderen Fehler begehen sollte.

Die Lebenden und die Toten ist ein Kriminalroman, der in der Umgebung Frankfurts spielt. Es ist der siebte Roman der Bodenstein & Kirchhoff Krimiserie, allerdings der erste, den ich aus jener Serie gelesen habe.

Wie jeder gute Krimi, beginnt auch Die Lebenden und die Toten mit einem Mord. Eine alte Frau wird beim Hundegassigehen durch einen Kopfschuss von einem entfernten Scharfschützen umgebracht. Pia Kirchhoff, eine Komissarin bei der Kriminalpolizei, bekommt den Anruf obwohl sie eigentlich Urlaub gebucht hatte, weil sonst niemand zu erreichen ist. Ihr Pflichtgefühl zwingt sie, zum Tatort zu fahren. Ihr frischverheirateter Ehemann (besagter Urlaub war zwecks Flitterwochen gebucht gewesen) hat kein Problem damit, aber Pia ist natürlich nicht sehr begeistert...

Anfang des Falles scheint es, daß es kein Motiv für den Mord geben kann. Das Opfer hatte keine Feinde, keine Bedeutung, und niemand hat von ihrem Tod etwas zu gewinnen. Wenn eine zweite alte Frau ebenso durch Kopfschuss von einem Sniper ermordet wird, beginnt die Polizei eine Mordserie zu befürchten. Schlimmer noch, eine Serie von Zufallsmorden, begangen aus großer Entfernung, von einem Täter der keine Spuren hinterläßt - ein Albtraum für Polizisten. Das halbe Team hat Grippe, es ist Weihnachtszeit, und ein Irrer macht die Gegend unsicher: Pia beginnt, daran zu zweifeln, ob sie es verantworten kann, wie geplant nach Ecuador zu fliegen...

Man merkt dem Roman schon an, daß er Teil einer langen Serie ist. Zum einen gibt es reichlich Kollegen im Polizeirevier, die eine Rolle spielen. Zum anderen gibt es hin und wieder Stellen, wo der Text Hintergründe und frühere Fälle zusammenfasst. Nicht nur Fälle - frühere Verlobungen und Exfrauen und Exgatten sind auch reichlich vorhanden. Andererseits funktioniert der Roman problemlos, auch wenn man nicht jede Kleinigkeit der Vorgeschichte der Polizisten kennt. Es wird eher zuviel in Infodumps abgeliefert als zu wenig. Es hat allerdings den Anschein, daß, nach sechs anderen Romanen mit Happy Ends, innerhalb der Teams weniger Funken fliegen als vielleicht zu Anfang der Serie. Pia denkt an ihre ersten Fälle mit Bodenstein zurück, und daran, wie unterschiedlich sie damals waren, und wie sehr sie sich inzwischen aneinander angepasst haben. Dieses Team ist eine gut geölte Maschine.

Kein Wunder, daß neue Berater hineingeworfen werden. Einer, dessen Zweck es ist, zu nerven, und eine, die anscheinend nach diesem Roman Mitglied des Stammtischs werden soll.

Ein Krimi soll spannend sein. Nach und nach stellt sich ein Motiv fest, und dann gewinnt der Roman auch an Spannung, denn wenn die Polizisten ein Motiv kennen, dann gibt es bald auch Verdächtige zu ermitteln...

Die Lebenden und die Toten is ein durchaus unterhaltsamer, spannender Roman. Teilweise habe ich ihn mit Genuß verschlungen. Leider gibt es auch ein paar Plotlöcher und Fehler. Das Motiv einer der Morde macht keinen Sinn, und ganz am Ende wird glatt ein Augenzeuge vollkommen vergessen (bzw ein Opfer, daß wohl doch wissen musste, wer ihm etwas angetan hatte). Manche Charaktere scheinen eher künstlich in das Buch gezwungen und sind dann leider zu eindimensional. (Die Nervensäge ist zu nervend). Ich hatte den Eindruck, daß inzwischen alle Polizisten so kollegial, professionell und gut mit einander auskommen, daß die Autorin sich neue Problemchen ausdenken musste, um ein bisschen Zoff zu schaffen - und diese Problemchen wirkten nicht immer überzeugend. Hauptsache ist natürlich die Spannung, und die liefert dieser Krimi.

Alles in allem, ein recht guter Krimi.

Bewertung: 3,5/5

PS: Als ausgewanderter Deutscher fiel mir auf, daß die deutsche Sprache dabei ist, sich zu anglisieren. An einigen Stellen schien es mir, daß englische Begriffe sich seit meiner Zeit in Deutschland eingedeutscht haben. Zum Beispiel wird an einer Stelle "darauf insistiert" statt "darauf bestanden". Ich weiß nicht, ob das Internet daran Schuld ist, oder Fernsehsendungen (CSI?), aber es hat mich doch etwas überrascht, wie sehr die Sprache sich in den paar Jahren schon verändert hat.

PPS: Es freut mich, daß deutsche Buchcovers inzwischen teilweise um einiger schöner sind, als noch vor ein paar Jahren. Britische Covers sind weltklasse - da war es eher enttäuschend, wenn man in einen deutschen Buchladen ging, und die vergleichsweise anspruchslosen Covers dort sah... endlich mal etwas Farbe und Style!


En Anglais


I Am Your Judge (known as To Catch a Killer in Australia) is a crime thriller set in the environs of Frankfurt in Germany. It's the seventh novel of the Kirchhoff & Bodenstein series but the first of these that I've read.

Like any good crime novel, the story starts with a murder. An elderly lady is shot dead by a distant sniper while walking her dog. Pia Kirchhoff, a detective at the Kriminalpolizei, gets called out even though she is supposed to be on annual leave. No one else was available, so her sense of duty compels her to go to the crime scene.

Her newly-wed groom (said leave had been booked for her to go on honeymoon) has no problem with her taking on the assignment, but Pia is understandably reluctant...

Early in the investigation, it seems that there can be no motive for the murder. The victim had no enemies, wasn't an influential or important person, and no one has anything to gain from her death. When a second older woman is murdered by a sniper, the police begins to fear a potential serial killer. Worse, it looks like a series of random murders committed from a distance by a perpetrator who leaves no evidence - a nightmare for detectives. Half the team has the flu, it's Christmas time, and a madman endangers their community: Pia begins to doubt whether she can justify flying to Ecuador as planned...

When reading, it's fairly obvious that the novel is part of a long series. Firstly, there is a sizeable cast of colleagues in the police station who contribute to the investigation. Secondly, there are occasional scenes where the author summarises background information and refers to previous cases. Not only cases: historic relationships and ex-spouses are also abundant. On the other hand, the novel works well enough even if you don't know every little detail about this group of people. If anything, the novel errs on the side of over-infodumping.

However, after six other novels with (presumably) happy endings, there's less tension within the team than there may have been at the start of the series. Pia recalls her first cases with Bodenstein, and how different their dynamic had been at the time. Now their methods are well-matched. This team is a well-oiled machine.

Perhaps it's unsurprising that new consultants are thrown into the mix . One appears to exist only to annoy and another seems destined to become part of the permanent cast of this world.

A crime story must of course be thrilling to work. In this novel, a motive for the crimes is gradually revealed. Then, the tension starts to build: once a motive is in sight, there are suspects, and with suspects comes the meat and bone of the investigation, the race against time, the thrilling mystery and the growing tension.

It's a thoroughly entertaining, exciting novel. For the most part, I rushed through the story. Unfortunately, there are also some plotholes and inconsistencies. The motive of one of the murders makes no sense and, in the epilogue, an eyewitness / crime victim is completely forgotten about. That said, the main thing is the level of thrills - and this book delivers those.

All in all, a pretty good thriller.

Rating: 3.5/5



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